2. Evidenz der Grafik
Zitiert und teilweise gekürzt aus „Gedanken zur Brotlosen Kunst“:
a) Mit der Bezeichnung künstlerische Grafik begrenzen wir uns auf das gezeichnete, gestochene, geschnittene, gedruckte Bildmaterial. Das soll aber nicht moderne grafische Methoden oder Mischtechniken ausschließen. Die Differenz besteht zum gemalten, zum collagierten, zum plastischen Kunstobjekt.
b) Zuerst zur Wortbedeutung: Evidenz bedeutet (lt. Wahrigs Deutsches Wörterbuch) Augenschein, Offenkundigkeit, völlige Klarheit. Diese Klarheit ist verbunden mit spontanem Erkennen und wird herkömmlich ausschließlich mit rationaler Aktivität verknüpft. Die sinnliche Erkenntnis wird beim Erkenntnisvorgang als niederrangig angesehen. Und die Wirklichkeit wird als ein fester Bestand gedacht.
bb) Sinnliche Erkenntnis (als analogon rationis) überbietet aber die rationale Erkenntnis in Prägnanz und Tempo, besonders wenn die Inhalte in grafischer Form vermittelt werden. Das bleibt nicht bei der Zeichenhaftigkeit der Grafik stehen, die uns auf Bahnhöfen, Flugplätzen usw. über Fahrstühle und Rolltreppen, über mehrere Ebenen zum Ziel führen soll. Beispielsweise Paul Klees Zeichnung „Blickpunkte“ vermittelt mehr als mit Worten oder Zeichen gesagt werden kann.(Siehe: Argumente der Grafik)
c) In der grafischen Arbeit des Künstlers ist die Durchdringung der rationalen und sensuellen Elemente deutlich erkennbar. Besonders die Schwarz-Weiß-Artikulation nähert sich durch die technisch streng geklärten Mittel und Fügungen der begrifflichen Abstraktion. Sie übertrifft an Klarheit auch die malerische Abstraktion. Die ist schon über die Vielfalt der Farbnuancen weit mehr der Stimmung verbunden. Die Erfahrung einer Grafik bleibt vorrangig an die „sinnliche“ Erkenntnis des Bildes gebunden – das jedoch spontan – bevor die rationale Erkenntnis wirksam werden kann.
d) Vokabular und „Grammatik“ (d.h. die Zeichen und deren Fügung) ähneln in der Struktur zwar den sprachlichen Grundsystemen. Nur ist die Grafik wegen ihres Materials sogar noch klarer. Das scheint mit Punkt, Linie, Fläche karg bemessen zu sein, ist aber durch Duktus, Dichte, Ausrichtung, Beugung, Bewegung usw. schier grenzenlos zu modulieren. Das grafische Repertoire lässt sich so zum Träger sensueller Ausdruckswerte und zur Transformation rationaler Inhalte in anschauliche Formen steigern.
e) Es ist also eines gesonderten Gedankenganges würdig, die grafische Arbeit als Abstraktionsvorgang analog zur begrifflichen Abstraktion zu betrachten. Beides entfernt sich vom Empirischen. Auch die Grafik setzt dem Empirischen das in die Ausdruckselemente und Zeichensysteme Umgewandelte entgegen. Beide Verfahren sind a priori rational und sinnlich zugleich, jedoch im je umgekehrten Wirkungsvorgang. Sprachliche Darstellung ist nämlich zuerst deutlich logisch. An das Sinnliche vermittelt sie nur das Schriftbild und der tönende Vortrag und erst indirekt erfolgt die Übersetzung der erfahrenen Inhalte in Gefühlswerte.
f) Grafische Artikulation verfährt dagegen auf besondere Art reduktionslogisch mit Formelementen und -systemen, die das Substanzielle der Wirklichkeit in Symbolformen und symbolischen Handlungen erfassen. Alle Herkunft aus der Wahrnehmung des Realen wird durch die radikalen Reduktionen zur Abstraktionsrealität überwunden. Der strenge Grafiker negiert den natürlichen Anschein: Indem er grafisch wahrnimmt, sieht er an der Wirklichkeit die immanenten linearen Strukturen, die Flächenfiguren, die Hell-Dunkel-Kontraste, Mächtigkeitsverhältnisse, Vorgänge … Unmittelbar wandelt der „Grafiker“ also die Sinneseindrücke zum bildnerischen Vokabular um. So gewinnt er aus den Wesensmerkmalen frei verfügbare Mittel der Gestaltung, dem Sprachkünstler, der mit Schriftzeichen arbeitet, ähnlich, mehr aber dem Komponisten, dessen Material eben auch sinnliche Qualität präsentiert.
g) Auch einem sensiblen Passanten erschließt sich das reduktive Wesen solcher Wahrnehmung: Beim Licht des Vollmondes ohne die Brechungen durch künstliche Beleuchtung sieht die Welt ganz anders aus. Gerade dem beiläufigen Betrachter erscheint dann die Wirklichkeit, reduziert um die im Sonnenlicht wandelbaren Attribute, ohne die gewohnten Farb-, Körper- und Rauminformationen als Realabstraktion.
h) Derart erfüllt sich Reduktion als rationales Verfahren der grafischen Potenzierung und der Bedeutung der Verfahren auch für die Malerei und Plastik besonders der neueren Moderne als deren immanentes und auf die Zeit bezogenes Artikulationsprinzip.
i) Und bemerkenswert parallel zur einsichtigen Abstraktheit der Grafik ist das Verhältnis des Betrachters zu ihr. Noch die geschickteste, widerspiegelnde Naturstudie wird, genau wie eine ungegenständliche Bandzug- und Flächenkomposition, zuerst als künstlerische Abstraktion (als ein Kunststück)betrachtet und als besondere Kunstwirklichkeit bewundert. Selbst die geometrisch-abstrakten Kompositionsübungen des Kunstunterrichtes, etwa die Übung zur Erfindung einer tektonisch ausgewogenen Form aus den Elementen Kreis, Dreieck und Rechteck , klären das Verhältnis von Hervorbringenden, Hervorgebrachtem und Erfahrenden. Da kommt es zur annähernd spontanen Auffassung der Bilder als Bilder, an die erst in der Reflexion ein Bezug zur Wirklichkeit herangetragen wird.
j) Eine weitere wichtige Eigenschaft der Grafik ist schließlich noch ihre Eignung zur Narration: zur „sprachlosen“ Erzählung. Besonders in Buchillustrationen oder Illustrationen zu literarischen Vorlagen kommt das zur Geltung. Immer sind die Zeichnungen dann ästhetische Stellungnahmen zu den Inhalten und deshalb zugleich selbstständige Ausdrucksformen.(siehe Kapitelillustration zu Krabat und von Christoph Meckel, Die Rechte des Kindes)