3. Das Kunstschöne und die Wahrheit der Kunst
Die bürgerliche Erwartung, Kunst solle man genießen können, ist geprägt durch ein Missverständnis. In der traditionellen Kunsttheorie wird von den „Schönen Künsten“ gesprochen. Weniger bewusst ist jedoch bei der Bezeichnung, dass der Begriff des Schönen nicht gleichzusetzen ist mit dem Wohlgefälligen.:
1. Zuerst bei Alexander Gottlieb Baumgarten und dann bei Hegel steht das Kunstschöne für das Absolute. Das Schöne muss damit zugleich als das Wahre verstanden werden. Zur Erkenntnis dessen wirken Gefühl und Verstand zusammen. Dieser Vermittlung des Sinnlichen und des Rationalen widmete sich Baumgarten schon vor rund 260 Jahren. Die Darlegungen findet man in seiner "Ästhetika" in den Abschnitten zur Wahrheit, zur ästhetikologischen Wahrheit, der ästhetischen Wahrscheinlichkeit und dem unbedingten ästhetischen Streben nach Wahrheit.
2. Folgt man seiner Argumentation, geht es also in der Kunst um Wahrheit vor aller äußerlichen Wohlgefälligkeit. Kein Kunstwerk wird demnach je dem bürgerlichen Anspruch auf „Kunstgenuss“ willfährig sein. Das was wohlgefällig ist, ist im besseren Falle eine kunsthandwerkliche Leistung und im schlechteren Fallen eine kulturindustrielle, ästhetisierende Manipulation.
3. Baumgarten definierte die menschlichen Vermögen ansatzweise von innen nach außen und bestimmte in seiner Argumentation das ästhetische Vermögen als ”analogon rationis”. Und analog zur rationalen Logik stieß er auf die Notwendigkeit, den ästhetischen Erkenntnisvorgängen das Attribut ”ästhetikologisch” zuerkennen zu müssen (Aesthetica, 1750/58, [4] § 427).
Exkurs: In der Neurowissenschaft bestätigen die neuesten Erkenntnisse Baumgartens Thesen. Allen logischen Operationen gehen die sinnlichen Erfahrungen voran. Und in den logischen Urteilen sind die "ästhetischen" Erkenntnisse wirksam. Und alles Lebendige ist abhängig von der sinnlichen Fähigkeit die Bedingungen des Lebensraumes zu erfahren, nach bedrohlich oder zuträglich zu unterscheiden, um das Verhalten danach zu modifizieren. Um das zu erreichen muss zugleich das Motiv zur Suche nach dem "Wahrheitsgehalt" des "Wahrgenommenen" wirksam sein.
4a. Auf der Basis bisheriger Denk- und Forschungsergebnisse lässt sich die Hypothese formulieren, dass das "Naturschöne" nur aufgrund seiner Wahrheit "schön" ist. Gleiches gilt analog für das "Kunstschöne", das von Menschen gemacht ist.
4b. Wahre Kunst ist, wenn sie umfänglich verstanden wird, also nur aufgrund ihres Wahrheitsgehaltes schön: Das Schöne hat jedoch sein Leben nur im Schein. Der Schein ist aber keine Täuschung, "... denn die Wahrheit wäre nicht, wenn sie nicht schiene und erschiene" , somit ist gerade der Schein dem Wesen wesentlich". (Hegel, X1, S. 12, zitiert nach Bloch, ebenda, S. 276) Hegels Inhalts-Ästhetik fragt vor allem nach dem Sujet nach dem „... Schein, der dem Wesen wesentlich ist... (und) in welchem die Kunst dem in sich selbst Wahrhaftigen Wirklichkeit gibt.(Hegel, X1, S. 12, zitiert nach Bloch, ebenda, S. 276)“
5. Dieser strenge Begriff von Schönheit ist nicht auf das herausgeputzte Haus und die Wanddekoration über dem Sofa anwendbar. Schönheit ist auch nicht etwas, das sich anoperieren lässt. Die gestelzten Posen von Mannequins wirken eher inhaltsleer. Sie sind trotz oder gerade aufgrund endloser Castings eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Dies Thema ist in der aktuellen Malerei dann auch Gegenstand der auf Wahrheit zielenden ästhetischen Erkenntnis.
6. Gehen wir aber nochmals zurück zur „eingebürgerten“ Vorstellung von den „Schönen Künsten“: Das aufstrebende Bürgertum übernahm nicht nur wirtschaftliche und politische Macht sondern bemächtigte sich auch der Kultur. Kunst sollte eine Entlastungs- und Legitimationsfunktion übernehmen. Folgerichtig errichtete das Bürgertum seine eigenen Weihestätten und Umschlagplätze für das angeblich „Schöne” in Museen. Von Anbeginn dieser Entwicklung ging das Vorhaben jedoch nicht auf. Ernsthafte Künstler folgten weiterhin dem, was längst festgestellt war, dem unbedingten Streben nach Wahrheit, die dem Wesen des Schönen entspricht. Zunächst stellten Pariser Künstler das Kleinbürgertum ungeschönt dar und mussten sich gegen gutbürgerliche Kritiker und ihren Vorwurf der Geschmacklosigkeit verteidigen. Nach dem Beginn der klassischen Moderne haben die Künstler alles andere im Sinn, als eine nicht vorhandene Schönheit darzustellen.
7. Das Bemühen um Wahrheit bleibt unverändert das Ziel des künstlerischen Ausdrucks. Wahrheit soll aber nicht widerspruchsfrei ablesbar sein. In aller Kunst ist nicht das Urteil sondern der Prozess der Wahrheitsfindung dargestellt. (Adorno sagte darüber: Kunst kennt keine Urteile, sie ist die "Verhandlung", die zum Urteil hinführt.)
8. Die Frage ist dann schließlich, ob die Kunst so wirksam ist, dass sie zur Wahrheitsfindung anregt und damit zur Erkenntnis des Schönen.
'+9.Jede Form der Erkenntnissuche hat mit Widerstand zu rechnen. "Das Wahre und Aechte würde leichter in der Welt Raum gewinnen, wenn nicht Die, welche unfähig sind, es hervorzubringen, zugleich verschworen wären, es nicht aufkommen zu lassen. Dieser Umstand hat schon Manches, das der Welt zu Gute kommen sollte, gehemmt und verzögert, wo nicht gar erstickt." [Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 36. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 39163 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 1, S. 26)].+'